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Tina M., 35 Jahre – Kauffrau – Automatenspielerin

 

Tina M., 35 Jahre, Kauffrau, Automatenspielerin

„Ich war unfähig mit dem Spielen aufzuhören, selbst das Konto meiner Tochter hatte ich geplündert. Mit dem Geld donnerte ich weiter auf die Tasten, bis es alle war.”

Ich habe im Automaten-Casino am Alexanderplatz, später auch am Potsdamer Platz am Teddyautomaten gespielt. Wenn ich 5 Teddys in einer Reihe gehabt hätte, dann hätte ich 25.000 Euro gewonnen. Welch eine Vorstellung! Ab und zu spielte ich auch am Froschautomaten. Ich hatte einen kleinen Talisman von meinem damaligen Freund, einen kleinen Frosch. Den hielt ich in der Hand, manchmal küsste ich ihn auch und hoffte auf mein Glück, das doch nun kommen musste.

An Glücksspielautomaten habe ich immer wieder bis zum finanziellen Ruin gespielt. Nach meinem Klinikaufenthalt hatte ich zwei Rückfälle und ein Jahr später noch einen. Seit dem bin ich jedoch nicht wieder in Versuchung gekommen.

Ich weiß noch, zunächst habe ich bei verschiedenen Radiosendern alles Mögliche gewonnen: Kinokarten, Eintrittskarten für Konzerte und Tanzveranstaltungen. Dann gewann ich bei einer gemeinsamen Aktion vom Berliner Kurier und 94,3 rs2 „Einen Tag als Millionärin“. Das war im Juni 2001, und meine Gier war geweckt. Mein damaliger Freund, spielte selbst recht oft, sagte zu mir: „Du hast so viel Glück, du gewinnst einfach immer! Komm doch mal mit ins Casino!“, Tja, und das tat ich dann auch. Mein Pech war, dass ich auch dort zunächst gewann.

Erst wollte ich einfach nur gewinnen, der Sieger sein. Vielleicht war es auch ein bisschen die Macht, die mich reizte. Dann dachte ich, ich könne auf diesem Weg meine Schulden loswerden oder meinen Schwestern und meiner Mutter aus ihren Schulden helfen. Letztendlich hoffte ich dann doch auf den großen Gewinn. Damit hätte ich endlich die Schulden meines damaligen Freundes bezahlen könne. Ich dachte, nur so könnte ich mich von ihm trennen. Ich war mit ihm mehr als 10 Jahre zusammen, ohne ihn je geliebt zu haben. Zweimal bin ich umgezogen, in der Hoffnung, ihn loszuwerden. Das alles funktionierte nicht, weil ich nicht wirklich dazu entschlossen war. Er tat mir einfach zu leid, und ich hatte furchtbare Angst vor dem Alleinsein. Denn trotz allem war er doch immer da, wenn ich wieder alles verloren hatte. Er tröstete mich, zahlte meine Rechnungen und baute mich wieder auf.

Gegenüber Freunden hatte ich mich immer mehr abgeschirmt, hatte keine Zeit mehr für sie, habe Verabredungen kurzfristig abgesagt oder ganz vergessen. Viele zogen sich zurück, denn ich hatte keine Zeit mehr für sie. In der Familie fiel meine Spielsucht zunächst nicht auf. Erst als ich an das Geld meiner Kinder ging, das Taschengeld meiner Tochter geplündert und die Kindergeldnachzahlung meines Sohnes für das gesamte Jahr sofort in die Spielbank getragen hatte, da musste ich mit der Wahrheit raus.
Ich hatte meinen ältesten Sohn, der aus Jux mal mit seinem Kumpel ins Casino ging, dort getroffen. Er sprach mich an. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken vor Scham, und doch war ich unfähig, mit dem Spielen aufzuhören. Ich donnerte weiter auf die Tasten, bis mein Geld alle war. Das war im Spätsommer 2005. Mir drohte nach 2 Monaten Mietrückstand die Kündigung. Es war eine Katastrophe.

Zunächst konnte ich mit Hilfe eines Gespräches im Café Beispiellos sicherstellen, dass meine Geldkarte aus meinen Händen war. Ich holte mir wöchentlich das Geld, ging sofort davon einkaufen und hatte dann auch nicht mehr so viel in der Tasche. Ich ging jede Woche zu den Treffen im Café Beispiellos. War ich zunächst noch völlig mutlos und traute mich keinen Schritt alleine, so gewann ich bald immer mehr an Selbstsicherheit. Trotzdem hatte ich Rückfälle, was mich letztendlich zu der Entscheidung zwang, die stationäre Therapie zu beantragen.

Von Mai bis Juli 2006 war ich dann 10 Wochen in der Klinik und war anschließend bei der ambulanten Nachsorge. Danach habe ich wieder die Gruppe im Café Beispiellos besucht.

Mein damaliger Freund war für mich wie der Dealer für einen Drogensüchtigen. Er hatte mein Geld mit verspielt, besorgte dann aber von seinem Geld Lebensmittel oder zahlte meine Miete. Ich war total verschuldet, ich war von ihm abhängig. Bereits Ende 2005 habe ich mich von ihm getrennt.

In dem Maße, in dem ich den Wert des Geldes wieder zu achten begann, in diesem Maße stieg auch mein Selbstwertgefühl. Ich wurde mutiger, selbstsicherer, lernte auch mal „nein“ zu sagen. Endlich ordnete ich meine Finanzen und ging den schweren Schritt in die Privatinsolvenz.

Im Frühjahr 2009 wuchs in mir der Wunsch, mehr zu tun und anderen aus der Spielsucht herauszuhelfen. Mit der Unterstützung vom Café Beispiellos und der Selbsthilfekontaktstelle Berlin-Hohenschönhausen gründete ich im September 2009 eine Selbsthilfegruppe. Hier kann ich mein Helfersyndrom ausleben, ohne dabei ausgenutzt zu werden. Denn so viel, wie ich hier durch meine Geschichte an andere weitergeben kann, so viel bekomme ich von anderen zurück. Ich bin mit mir zufrieden und kann endlich wieder in den Spiegel schauen.

Ich hoffe, dass ich mich stetig weiter verändern werde. Dass ich diese Lebensqualität, die ich jetzt habe, weiter behalte und noch steigern kann. Dass ich meine Angst vor einer neuen Beziehung in den Griff bekomme und die Liebe, die mich beim Sommerfest im Café Beispiellos erwischt hat, für immer hält. Da meine neue Liebe ebenfalls ein Spieler ist, der den langen Weg über das Café Beispiellos, die Klinik und die Nachsorge gegangen ist, hoffe ich für uns beide auf eine lange gemeinsame Zeit. Ich muss nicht mehr Glück haben, um glücklich zu sein. Ich kann für mich sagen, ich bin bei mir selbst angekommen.

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