Kerstin, 36 Jahre- Frau eines Spielers

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„Die Erkenntnis kam portionsweise. Ich wollte nicht wahr haben, dass es eine Sucht ist, die nicht einfach wieder verschwindet.“

Ich habe es damals nicht gleich als Glücksspielsucht angesehen. Es war eigenartig. Oft wusste ich nicht, dass mein Partner spielen geht, aber ich wurde innerlich aggressiv. Fast immer hat sich dann herausgestellt, dass er spielen war.

Anfangs dachte ich, es sei nur eine Phase. Es gab immer mehr Streit. Ich hoffte, es gehe wieder vorbei. Mit jedem neuen Streit begriff ich aber ein kleines bisschen mehr, dass meine Hoffnung nicht in Erfüllung gehen würde. Da fühlte ich mich hilflos, war wütend und suchte die Schuld auch bei mir. Ich nörgelte an ihm herum, wollte alles kontrollieren und brach jedes Mal zusammen, wenn ich glaubte, er würde spielen gehen.

Die Erkenntnis kam portionsweise. Ich wollte nicht wahr haben, dass es eine Sucht ist, die nicht einfach wieder aufhören wird, für die ich belogen und beklaut werde. Und als ich es nach vielen gebrochenen Versprechungen endlich wirklich verstand, überwog das Gefühl der Trauer. Die Trauer darüber, nie wieder einen suchtfreien Partner zu haben.

Schon bevor ich die Erkenntnis hatte, dass mein Partner süchtig ist, habe ich mich im Internet belesen und versucht, ihn dazu zu bewegen, sich Hilfe zu suchen. Nach einem ersten gemeinsamen Beratungsgespräch im Café Beispiellos – das ich organisiert hatte – war erstmal alles wieder in Ordnung und ich wähnte mich sicher. Nach vier oder fünf Monaten war es aber wieder so schlimm, dass ich einen Beratungstermin für mich allein vereinbarte. Seitdem besuche ich die Angehörigengruppe.

Die Angehörigengruppe hilft mir, weil ich viele Probleme höre, die ich auch kenne. Man erkennt, dass man die gleichen Unsicherheiten teilt. Das Besprechen von Verhaltensmustern und wie man diese durchbrechen kann, macht mich wieder handlungsfähig und dadurch auch ruhiger in Bezug auf meine Situation und die meines Partners. Ich kann ihn besser verstehen, und ich kann mich und mein Verhalten in der Gruppe regelmäßig kritisch betrachten.

Obwohl mein Partner meint, man könne ihm im Café Beispiellos nicht helfen und auch die Angebote der Einrichtung nicht in Anspruch nimmt, hat sich jetzt wieder eine Art Wohlbefinden bei mir eingestellt. Ich weiß jetzt, wie ich existenzbedrohlichen Rückfällen die Grundlage entziehen kann, d.h. wie ich unser Geld und damit unserer Familie schützen kann. Ich bleibe bei Rückfällen ruhig und habe es auch schon ein paar Mal geschafft, meinen Partner die Konsequenzen seines Spielens tragen zu lassen. Dennoch haben wir wieder eine partnerschaftliche Bindung zueinander, weil ich bei Problemen früher sagen kann, was ich darüber denke und fühle.

Heute fühle ich mich viel besser! Nicht mehr hilflos. Es ist sehr schade, dass mein Partner die Unterstützung des Café Beispiellos nicht in Anspruch nimmt, denn er ist im Alltag schon sehr isoliert. Er hat keine Freunde, denen er alles erzählen kann. Und er ist frustriert über seine finanzielle Abhängigkeit. Dennoch macht er keine ernstzunehmenden Vorschläge für eine Verbesserung. Ich weiß nicht, ob es ihm zu peinlich ist, ins Café Beispiellos zu gehen, oder ob er immer noch hofft, dass es von alleine wieder vorbei geht. Meine Erfahrung ist: reden hilft. Wie soll man verstanden werden, wenn man nicht weiß, wie man darüber reden soll, und sich selbst noch nicht verstanden hat? Und besonders das Immer-wieder-darüber-reden ist sehr wichtig. Als Co-Abhängige Partnerin merke ich auch bei mir, dass ich immer wieder in alte Muster zurückfalle, und das Misstrauen wiederkehrt. Ich kann in der Gruppe immer wieder mein Verhalten überprüfen. Und wenn ich nicht selbst darüber reden möchte, kann ich einfach nur zuhören. Auch das hilft mir festzustellen, ob ich noch auf dem richtigen Weg aus der Co-Abhängigkeit heraus bin oder wieder Schritte rückwärts gehe.

Für die Zukunft hoffe ich natürlich, dass mein Partner mit Geld umgehen kann und auch haushalten lernt, denn das konnte er auch vor seiner Glücksspielsucht nicht. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Ich habe mir vorgenommen, noch mehr als bisher die Konsequenzen des Spielens in die Verantwortung meines Partners zu geben.

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