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Karsten H., 31 Jahre- arbeitssuchend- Pokerspieler

Karsten H., 31 Jahre, arbeitssuchend, Pokerspieler

„Diese Welt war völlig anders als alles, was ich kannte. Dieses Kribbeln in meinem Bauch, der Reiz des Verbotenen, machte mich absolut süchtig.“

Als ich vor sechs Jahren arbeitslos wurde, konnte ich es kaum fassen. Ein Jahr lang schrieb ich ununterbrochen Bewerbungen, aber ich bekam einfach keine Stelle. Ich verbrachte bei meinen Jobrecherchen viel Zeit im Internet und stieß immer wieder auf Werbung für Poker im Internet und virtuelle Casinos, Ich wollte einfach mal sehen, wie das funktionierte, Ich dachte, wenn ich dort ab und an etwas gewinnen könnte, wäre das eine gute Überbrückung für die Zeit, bis ich wieder einen Job hätte. Schließlich wollte ich meiner Familie etwas bieten. Also begann ich im Spielgeldmodus zu trainieren.

Ich begann, mich mehr und mehr mit Poker zu beschäftigen. Als Disponent bei einer Spedition hatte ich gelernt, strategisch zu denken. Anfangs spielte ich wie gesagt nur zum Spaß, zur Ablenkung, ohne Geld. Immer häufiger verbrachte ich ganze Nächte vor dem Computer. Meine Frau machte sich zuerst Sorgen um mich und bat mich, früher schlafen zu gehen. Aber ich konnte dem Zauber des Spiels nicht entkommen, und es gab Streit. Sie warf mir vor, mich der Familie zu entziehen, sie mit dem Einkauf und den Kindern und der Hausarbeit allein zu lassen. Immer wieder gerieten wir aneinander. Ich verteidigte mich, ich müsse diese Zeit am Computer für die Jobrecherche investieren, schließlich brauchten wir dringend Geld. Einmal verließ ich die Wohnung dann im Streit, um den ständigen Diskussionen zu entfliehen.

Kurze Zeit später traf ich zufällig einen alten Freund wieder, der mir vom Pokern um Geld erzählte, im Hinterzimmer einer Kneipe. Ich war fasziniert. Endlich konnte ich im richtigen Leben einmal ausprobieren, was ich solange virtuell geübt hatte. In meinem Kopf schlug die Hoffnung Purzelbäume, einen guten Batzen Geld zu verdienen und damit eine Menge Probleme aus der Welt zu schaffen. Der erste Abend lief ganz gut, und ich wollte unbedingt wieder hin.

Diese Welt war völlig anders als alles, was ich kannte. Der Reiz des Verbotenen war mächtig. Dieses Kribbeln in meinem Bauch, etwas Illegales zu tun, machte mich absolut süchtig. Weil ich nun oft weg war, wurden die Streitereien zu Hause schlimmer. Irgendwann meinte meine Frau, ich ginge fremd, drehte durch, packte die Kinder und  ihre Sachen und zog aus. Als ich ihr alles erklären wollte war es bereits zu spät. Sie wollte die Beziehung beenden, da sie meine Lügengeschichten und unsere finanzielle Not nicht mehr ertragen konnte.

Danach verlor ich völlig die Orientierung. Langeweile, keine Ziele, keine Freude, Geldprobleme. Ich spielte im Internet mittlerweile auch um echtes Geld. Meine Eltern, Geschwister und Freunde wollten wissen, was los sei, aber ich zog mich einfach zurück. Ich bat sie nur um Geld, aber als ich es mehrfach trotz Versprechens nicht zurückgezahlt hatte, wollte keiner mehr mit mir zu tun haben. Mittlerweile ist die Scheidung durch.

Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass ich süchtig bin oder gar Hilfe brauche. Aber ich steckte so tief in der Krise, dass ich etwas tun musste. Im Internet habe ich das Café Beispiellos der Caritas gefunden, und ich war beruhigt, zu sehen, dass ich nicht allein bin. Ich war schon bei der ersten Beratung und bin froh, dass ich diesen ersten Schritt getan habe. Ich hoffe, dass ich die Scham überwinden kann, um zur Gesprächsgruppe zu gehen. Ich werde es versuchen.

Ich würde mir wünschen, bald mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Vielleicht kann ich meiner Ex-Frau und vor allem auch meinen zwei Kindern eines Tages alles richtig erklären und mich bei ihnen entschuldigen. Es wäre schön, wenn sie regelmäßig zu mir kommen könnten, wenn mein Schuldenberg abgebaut wäre und ich vielleicht sogar an eine neue Partnerschaft denken könnte. Aber dafür brauche ich wohl noch Zeit.

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