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Hartmut S., 52 Jahre- Unternehmer- Roulettespieler

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 „Es war für mich völlig neu, mit fremden Menschen über meine Probleme zu reden. In der offenen Gruppe wurde mir klar, dass alle, die dort sitzen, die gleichen Probleme haben.“

 Ich habe 35 Jahre lang gespielt. Es begann damit, dass ich in den Freistunden kurz vor dem Abitur die Zeit mit Flippern und Automaten überbrückt habe. Diese Angewohnheit behielt ich im Studium und auch am Anfang meiner Angestelltentätigkeit bei einem Elektronikunternehmen bei, bis mich Kunden nach einem Geschäftsessen in die Spielbank einluden. Dort spielte ich zum ersten Mal Roulette – und war begeistert. Diese Scheinwelt im Casino stellte jede Spielothek in den Schatten. Wir spielten bis spät in die Nacht. Ich wollte mit den Kunden mithalten und mich natürlich auch profilieren. Die Rolle als Lebemann gefiel mir gut. Hier konnte ich noch viel besser den Kopf abschalten und so tun, als hätte ich keine Probleme. Ich musste mich mit nichts auseinander setzen, außer mit dem Spiel. Ich war wie im Rausch.

Im Laufe meiner Karriere war ich viel geschäftlich unterwegs, und wo auch immer ich übernachten musste, suchte ich nach der nächsten Spielbank. Manchmal plante ich im Kopf den ganzen Tag über, wie ich einen Abstecher dorthin ermöglichen konnte. Ich hatte immer die Hoffnung auf den großen Gewinn, und später vor allem darauf, den Verlust bereits verspielter Einsätze wieder einzufahren. Da hinein mischte sich ab einem bestimmten Zeitpunkt die Angst vor dem Ende des Abends ohne Erfolg, denn mein Geld schwand zusehends. Dann kam die Angst vor dem Nachhausegehen, wo entweder das einsame Hotelzimmer mitsamt Ernüchterung wartete, oder meine Lebensgefährtin, die es leid war, dass ich nie zu Hause war, und wissen wollte, wo ich gewesen war, wann ich denn Zeit für sie hätte und viele andere Dinge mehr, die ich verdrängte. Je schwieriger die Situation zu Hause wurde, desto mehr Zeit verbrachte ich damit, meine Spielbankbesuche zu planen. Als ich die Kontrolle über sämtliche Finanzen verlor und mein Haus in Gefahr war, überlegte ich, wie ich illegal an Geld kommen konnte. Ich veruntreute schließlich Gelder, wurde erwischt und kam für zwei Jahre ins Gefängnis. Nun kam alles heraus. Endlich konnte ich ehrlich sein, auch wenn meine sozialen Kontakte dadurch zunächst zerbrochen sind. Zuerst zu Freunden und Bekannten, dann auch zu meiner Lebensgefährtin und meinem Sohn. Was ich meiner Familie angetan habe, ist mir erst richtig bewusst geworden, als mein Sohn mich gefragt hat, ob ich ein Doppelleben führe. Er wollte wissen, ob ich eine zweite Familie habe, da es kein Geld gab und ich meine gesamte Freizeit außerhalb der Familie verbracht habe.

Der Sozialarbeiter im Strafvollzug hat mir das Café Beispiellos empfohlen. Ich hatte vorher natürlich Bedenken und Vorurteile. Aber schon während der ersten Sitzung habe ich mich nicht mehr alleine gefühlt, sondern verstanden und aufgehoben. Es war für mich völlig neu, mit fremden Menschen über meine Probleme zu reden. In der offenen Gruppe wurde mir klar, dass alle, die dort sitzen, die gleichen Probleme haben. Dies war der Einstieg, um mich mit meiner Sucht auseinander zu setzen. In der anschließenden ambulanten Reha konnte ich erlernen, mein Leben neu zu gestalten. Der offene, respektvolle Umgang in der Gruppe, die Empathie der Therapeuten und die lebensnahe Betreuung haben mir besonders geholfen. Wir wollen nach dem Abschluss der Reha eine Selbsthilfegruppe gründen.

Nachdem ich mich endlich offen zu meiner Spielsucht bekenne und alle eingeweiht habe, hoffe ich auf ein spielfreies Leben. Ich werde daran arbeiten, das Vertrauen meiner Freunde und Verwandten wieder zu erlangen. Man kann durch spielen nur verlieren!

Ich weiß, dass ich alle neu aufgebauten Bekanntschaften und alles was ich bisher erreicht habe wieder verliere, wenn ich nicht spielfrei bleibe.

Ich möchte andere Dinge finden, die das Spielen für mich nicht mehr interessant machen.

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