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Martina G., 50 Jahre- Mutter eines Spielers

Martina G., 50 Jahre, Mutter eines Spielers

„Meine heile Welt ist auf einen Schlag komplett in sich zusammengebrochen“

Als wiederholt Geldbeträge im Haushalt fehlten, wuchs bei mir die Vermutung, dass etwas mit meinem Sohn nicht stimmt. Mein Sohn stritt immer wieder ab, das Geld genommen zu haben und leugnete in unseren vielen Gesprächen, irgendwelche Probleme zu haben. Ich hatte jedoch immer das Gefühl, dass er mir etwas verheimlicht. Im Laufe der Zeit fehlte er dann immer häufiger in der Schule, erhielt Mahnbriefe und wurde schließlich der Schule verwiesen. Da er nachts pokerte, verschob sich sein Tag-/Nachtrhythmus. Er vernachlässigte seine familiären Kontakte, blieb unverbindlich und war unzuverlässig. Das Pokerspielen bagatellisierte er, wenn ich ihn darauf ansprach. Seine kuriosen Geschichten und sein Lügengerüst zerfielen, als irgendwann sehr große Geldbeträge und Schmuck bei uns fehlten und er alles zugab.

Meine heile Welt ist auf einen Schlag komplett in sich zusammengebrochen. Meine Gefühle kann ich kaum in Worte fassen. Sie gehen über: als Mutter völlig versagt zu haben, totale Ohnmacht und Hilflosigkeit, tiefe Traurigkeit, Verzweiflung und Zukunftsängste sowohl für meinen Sohn als auch für den Einfluss auf das Leben unserer ganzen Familie bis zum Verlust meines mütterlichen Urvertrauens zu meinem Kind und die wahnsinnige Angst, dieses nie wieder zurückerlangen zu können. Ich habe Angst, niemals wieder richtig glücklich sein zu können, da dies das Glück meines Kindes voraussetzt.

Bevor mein Sohn glücksspielsüchtig wurde, hatte ich gedacht, bis auf normale pubertätsbedingte Zwistigkeiten, ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Sohn zu haben. Er erzählte mir viel und suchte auch öfters meinen Rat in ziemlich privaten Dingen. Dass er mir soviel Vertrauen entgegenbrachte, freute mich besonders. Dieses Verhältnis änderte sich jedoch zunehmend mit seinen Problemen. Ich spürte und sah es ihm an, dass es ihm schlecht ging und kam trotz ständigen Bemühens nicht mehr an ihn ran. Seine ständigen Lügen und Geschichten bewirkten, dass ich fast jede Aussage von ihm in Frage stellte.

Ich habe dann begonnen, im Internet Informationen zum Thema Glücksspielsucht zu suchen, und bin dabei auf das Café Beispiellos gestoßen. Den Kontakt habe ich umgehend hergestellt.

Seitdem ich regelmäßig das Café Beispiellos besuche, fühle ich mich nicht mehr so allein mit meinen Problemen. Ich fühle mich verstanden, da die anderen Angehörigen dort ähnliche oder gleiche Gefühle durchleben wie ich. Ich kann dort über meine Sorgen und Ängste reden und meine Fassade fallen lassen. Durch Zuhören und Verstehen der Situation fühle ich mich akzeptiert und angenommen. Ich lerne, meine Schuldgefühle offen zu legen, zu analysieren und zu erfahren, dass ich nicht schuldig bin. Außerdem lerne ich, dass klare Ansagen und das Setzen von Grenzen dabei helfen einen offeneren und ehrlicheren Umgang mit meinem Sohn zu haben.

Die Erfahrungen der anderen Angehörigen haben mir sehr schnell gezeigt, dass ich unbedingt konsequent sein muss, obwohl es so schwer fällt, weil ich meinen Sohn so unendlich lieb habe. Aber gerade das ist der Grund, dies durchzustehen, um seine Spielsucht nicht zu unterstützen. Ich bin wirklich sehr froh, dass es diese Anlaufstelle für mich als Co-Abhängige eines Spielsüchtigen gibt. Dort wird mir auch immer wieder etwas Motivation gegeben, dass ich mehr auf mich achten muss, um nicht an der Situation zu zerbrechen.

Bisher nutze leider nur ich die Hilfe im Café Beispiellos, aber dies hat sich vor allem für mich sehr positiv entwickelt. Ich bin nicht mehr nur rund um die Uhr mit der Situation belastet. Ich kann wieder etwas besser schlafen und bin nicht sofort zur Stelle, wenn „anscheinend“ Unterstützung angesagt wäre. Ich reagiere ruhiger auf schwierige Situationen und übertrage mehr und mehr Verantwortung an die richtige Stelle.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich mit der Zeit lerne, noch besser mit der Situation umzugehen. Die positiven Phasen in meinem Leben sollen wieder dauerhaft Überhand gewinnen. Natürlich ist meine größte Hoffnung, dass mein Sohn seine Glücksspielsucht in den Griff bekommt. Ich weiß, dass ich seine Sucht nicht für ihn aufarbeiten kann, sondern er sich aus eigenem Antrieb Hilfe suchen muss, aber ich bin Mutter im Prozess.

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