Deniz K., 28 Jahre- ausbildungssuchend- Sportwetter

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„Beim Wetten fühlte ich mich wie ein Erwachsener, wie ein richtiger Mann, ein richtiger Kerl eben. Das wollte ich sein.“

 Ich bin der totale Fußballfan, Galatasaray ist mein Lieblingsverein. Meine Kumpels und ich haben immer miteinander gewettet, wer gewinnt, wenn Galatasaray gespielt hat, wie hoch die Tordifferenz sein wird, wer das erste Tor schießt und wann. Wir waren ganz verrückt nach Wetten. Damals war ich gerade 18. Es wurden immer mehr Kumpels, die daran teilnahmen. Mein Onkel hat auch mitgemacht und mich mit in einen Laden genommen, wo im großen Stil gewettet wurde. Von da an habe ich regelmäßig gewettet, auch mal auf andere Sportarten, z.B. Pferderennen, aber dazu braucht man mehr Fachwissen, als ich habe. Das Wetten beherrschte meinen Tag. Ich hatte eine Ausbildung angefangen, die aber bald uninteressant wurde, denn ich musste ja die Quoten verfolgen und mir neue Wetten anschauen. Beim Wetten fühlte ich mich wie ein Erwachsener, wie ein richtiger Mann, zusammen mit den anderen Männern im Laden, ein richtiger Kerl eben. Das wollte ich sein.

Ich kam öfter zu spät zur Arbeit und wurde schließlich rausgeworfen. Das kam mir gelegen, so hatte ich mehr Zeit für die Wetten. Schließlich musste man sich die Spiele und Rennen ja möglichst auch live anschauen. Ich meldete mich immer seltener bei meiner Familie. Sie machten sich Sorgen und fingen an, mit mir zu streiten, dass ich sie vernachlässigte, mich nicht genug um sie kümmerte.

Zum Problem wurde, dass ich mehr Geld zum Wetten brauchte, als ich hatte. Wenn ich eine Summe verloren hatte, war ich überzeugt, den Verlust doppelt wieder herauszubekommen, wenn ich nur noch einmal setzen konnte. Ich wollte meiner Familie etwas Schönes schenken und natürlich auch mein Leben finanzieren. Ich lieh mir von überall her Geld und konnte es irgendwann nicht mehr zurückzahlen. Erst konnte ich alle noch vertrösten, aber dann wurde es schwieriger. Ich ging allen, denen ich Geld schuldete, aus dem Weg, drückte Ihre Anrufe auf dem Handy weg, wurde immer isolierter und traute mich nicht, meiner Familie die Wahrheit zu sagen, aus Angst, dass mein Vater mich verstößt.

Ich war total fertig und wettete noch mehr, sagte Termine mit Freunden ab, bloß um wetten zu können. Einmal noch die Riesenquote und ich wäre saniert. Dieser Gedanke ging immer in meinem Kopf herum. Nur ein einziges Mal Glück, und alles wäre wieder ok. Als man mir nachts auflauerte und mich verprügelte, weil ich meine Schulden nicht bezahlt hatte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Mir wurde zum ersten Mal klar, wohin meine Wetten führten, und dass ich womöglich ein größeres Problem habe, als ich zugeben wollte. Mein Bruder rief plötzlich an, sagte, er hätte so ein Gefühl, dass es mir nicht gut ging und ich seine Hilfe brauchte. Er hielt zu mir, trotz allem, was ich getan hatte. Er hat sich sofort drangesetzt und im Internet geforscht, mir dann die Telefonnummer vom Café Beispiellos gegeben.

Das Erstgespräch war unerwartet erleichternd. Obwohl es mir schwer fiel, offen zu sprechen, merkte ich bald, dass es mir gut tat, dass mir jemand zuhörte, dass ich einfach mal alles erzählen konnte, dass mich jemand verstand, und vor allem, dass es andere Leute in ähnlichen Situationen gab. Es ist wirklich gut, dass ich, seitdem ich die offene Gruppe im Café Beispiellos besuche, Ansprechpartner habe, wenn ich mal denke, ich schaffe es nicht.

Heute bin ich seit einem Jahr spielfrei. Ich frage mich, warum ich für das Wetten so empfänglich bin, und ob ich wohl eines Tages nicht mehr so oft daran denken muss und wieder normal Fußballschauen kann, ohne das mir ständig die Quoten durch den Kopf gehen.

Ich wünsche mir sehr, spielfrei zu bleiben und mein Selbstbewusstsein als Mann nicht mehr vom Wetten abhängig zu machen. Ich möchte gern noch einmal eine Ausbildung anfangen und meine Schulden bei allen begleichen.

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